Ein unaufgeregtes Land – spannend

Die Route

Am 28. Januar sind wir zu unserer Radrundreise nach Kuba aufgebrochen. Der Hinflug geht über Panama in die Hauptstadt Havanna (im Spanischen Habana), dem kolonialen Zentrum der Spanier in Mittelamerika. Philipp II. liess die Schiffe der Silberflotte in Havanna zusammen kommen, um dann zum Schutz gegen Seeräuber im Konvoi den Atlantik nach Spanien zu überqueren. So ist eine immens reiche Stadt entstanden, die nach der kubanischen Revolution in einen Dornröschenschlaf versank.

Koloniale Pracht im Dornröschenschlaf

Seit 1982 ist die Altstadt (La Habana Vieja) Weltkulturerbe und vor ein paar Jahren wurde unter der Regie des Stadtbaumeisters Eusebio Leal Spengler mit der Restaurierung begonnen. Kreative Lösungen sind entstanden: Die Bewohner eines Hauses erhalten vom Staat das Baumaterial, Architektur- oder Bauingenieurstudenten beraten und die Bewohner tragen mit Eigenleistung bei. Heute ist die Altstadt ein Highlight der Reise, der Maceo Malecón lässt die alte Pracht erahnen.

Ernest Hemingway

Wir steigen im Hotel Ambos Mundos im Herzen der Altstadt ab, 3 Zimmer neben uns hat Hemingway schon gewohnt. Eine Statue in der Lobby erinnert daran.

Brief der Zimmermädchen

Kuba ist auf den Tourismus als wichtige Devisenquelle angewiesen. Jedes Trinkgeld ist ein kleiner Schritt voran. Die Zimmermädchen mühen sich um Zufriedenheit und dekorieren die Badetücher als Herz oder Schwan. Kuba übt Tourismus – das werden wir noch öfter erleben.

 

Kuba lebt ...

Beim Stadtrundgang finden wir heimelige Ecken, wo die Kubaner gemütlich sitzen oder heiß diskutieren.

Wir erleben ein hohes politisches Bewusstsein, die systematische Ausbildung des Volkes (UNO Education Indicator Kuba 0.876, Costa Rica 0.659, Deutschland 0.928) ist ein Kernanliegen der Revolution.

... und diskutiert!

Costa Rica und Kuba heben sich  hier positiv von den anderen Lateinamerikanischen Ländern ab. Ich denke, dies ist ein wesentlicher Schritt, die Folgen des spanischen Kolonialismus zu überwinden.

Immer ist Musik zu hören, in jeder Kneipe, auf jedem Platz. Die alten amerikanischen Schlitten der 50er Jahre brummen durch die Straßen.

Die Rundfahrt durch den neuen Teil Havannas zeigt uns die politische Seite des Landes.

Botschaft der ehemaligen UdSSR

Die Macht demonstrierende Botschaft der ehemaligen UdSSR,

Botschaft der USA

die durch kubanische Fahnen isolierte amerikanische Botschaft. Die deutsche Botschaft, die wir später kennenlernen werden, befindet sich in einer unauffälligen Villa im kolonialen Stil.

Der Plaza de la Revolución wird vom monströsen

José Martí

Denkmal für José Martí, dem Poeten und Nationalhelden, dem Vordenker des kubanischen Unabhängigkeitskampfes, dominiert. Es wurde unter der Regierungszeit des Diktators  Fulgenico Batista errichtet, kurz vor der Revolution. Gegenüber grüßt von der Fassade des Innenministeriums 7-stöckig der

Ché Guevara

Revolutionär Ché Guevara mit „Hasta la Victoria Siempre“ (Bis zum immerwährenden Sieg).

Im Kontrast dazu der

John Lennon

John Lennon Park – ein Zeichen des Wandels. Früher war in Kuba (wie in der DDR) nur lokale Musik erlaubt, dann wurde dies über Nacht per Erlass geändert und die unaufdringliche Figur in den Park gesetzt. Leider verschwand die typische Rundbrille immer wieder sehr schnell. Heute sitzt ein alter Staatsbeauftrager im Park und setzt John immer die Brille auf, wenn Besucher kommen.

Kapitol - heute Bibliothek

Bevor es nun weiter geht, trinken wir zum Abschluss einen Kaffee in einem Straßencafé – er schmeckt grauslich. Die Kubaner verwenden statt frischer Milch meistens Trockenmilch. Und als wir aufbrechen wollen, ist Dagmar’s Rucksack weg – Geld, Pass, … Jemand hat ihn im Vorbeigehen von hinten neben meinem Bein gestohlen! Die Polizei kümmert sich um alles sehr genau, wir fahren im Polizeiwagen (Chinesisches Modell) aufs Revier. Auch hier alles sehr gründlich, es ist nicht klar, ob die beiden Überwachungskameras in Betrieb waren. Nach vielen Stunden fährt uns die Polizei noch ins Hotel, das die lokale Agentur kurzfristig gebucht hat, weil die Gruppe inzwischen weiter gefahren ist. Wir sind beeindruckt: In Costa Rica oder Rom hätte die Polizeit nicht einmal ein Protokoll aufgenommen, auch in Berlin wären wir vermutlich nicht ins Hotel gefahren worden.

Wir müssen am nächsten Tag auf die Botschaft und einen neuen Pass besorgen. Auch hier klappt alles vorbildlich und wie am Schnürchen. Nun hat Dagmar einen Pass, der in Havanna ausgestellt ist mit Wohnadresse in Costa Rica. Mittags fahren wir dann mit dem Taxi unserer Reisegruppe hinterher, der Taxifahrer freut sich über die CUC –  den Peso convertible – die 2te Wáhrung in Kuba. Sie gilt für Ausländer und höherwertige Konsumgüter. Kubaner können mit dem kubanischen Peso Grundnahrungsmittel sehr günstig einkaufen. Wir bezahlen für die Taxifahrt 50 CUC (38€), der Kubaner würde 50 kubanische Peso bezahlen – ~2€. Wir erleben hier Ähnliches wie in der DDR: Mit der DM konnte man alles kaufen. Abends sind wir wieder bei der Gruppe.

Viñales

Kuba ist auch das Land der Zigarren, die weltbesten Tabakqualitäten wachsen hier und werden zu Zigarren in den Manufakturen gedreht. Es sind 160 Schritte bis zur fertigen Zigarre. 120 Stück sind das Ziel pro Tag, wer mehr macht, darf sie behalten und kann sie auch an die Manufaktur verkaufen. Auch dafür gibt es die begehrten CUC. Wir sehen wie der Tabak

Junge Tabakpflanzen

groß gezogen,

Tabakernte

geerntet und

Lagerhaus zum Fermentieren der Tabakblätter

gelagert wird. In wirklich sorgfältiger

Zigarrenmanufaktur

Handarbeit wird jedes Stück gewickelt und versiegelt. Natürlich leisten wir uns ein paar dieser kostbaren Stücke und genießen

Sie wird zelebriert

sie im lauen Abend auf der Terrasse mit Musik und Rum. So lässt es sich leben. 

Auf dem Land

Hier auf dem Land erleben wir auf der einen Seite die relative Armut des Landes, und auch wie sauber und gepflegt die Dörfer sind. Die Regierung investiert in die ländliche Umgebung, um die Menschen auf dem Land zu halten und keine Slums in den Städten entstehen zu lassen – mit Erfolg. Die Autobahnen durchziehen das ganze Land und sind besser gepflegt und vernetzt als in Costa Rica.

Der Ochse,

am Pflug

 

vor dem Schlitten

 

vor dem Wagen

 

 

 

 

das Pferd

für den Cowboy

 

vor der Kutsche

sind normale Arbeitstiere, LKWs werden zu Bussen

Kuba-Bus

umfunktioniert. An markanten Abzweigen stehen Menschen in gelber Uniform und koordinieren die „Mitfahrzentrale“. Auch wir nehmen im Bus gelegentlich einen Mitfahrer auf.

Domino

Die Dörfer sind freundlich, die Menschen entspannt. Wir finden sie oft beim Domino, dem nationalen Spiel.

Die Häuser werden gepflegt, wir sehen Schulen, Gemeinschaftshäuser zum Fernsehen und Micro-Universitäten. Hier haben 2-5 Professoren einer Fakultät einen Ableger der Uni auf dem Lande.

Weitere Neuerungen der letzten Jahre:

 

Knoblauch

Eine Familie darf ein Stück Land bewirtschaften und die Produkte verkaufen. Unsere Erfahrungen zeigen allerdings nicht, dass es ein reiches Angebot an Früchten gibt, obwohl hier die gleichen Früchte wie in Costa Rica  wachsen.

 Des weiteren dürfen zwei Zimmer im Haus privat

Zimmer zu vermieten

zum Festpreis vermiete werden, die Häuser tragen ein blaues Symbol, das wir oft sehen. Der Individual-Tourismus ist möglich und wir treffen auch andere Radfahrer, die auf eigene Faust durchs Land radeln.

Weiter im Osten der Insel kommen wir an historische Orte. Ganz gegen unsere Erwartungen gibt es an der Schweinebucht kein großartiges Denkmal.

Bis hierher sind die Söldner gekommen!

Unser Führer erklärt, dass das Land einer Zusammenarbeit mit den USA keine Hindernisse in den Weg legen will und ohnehin jeder weiß, was hier passiert ist.

Wir steigen in Cienfuegos ab und lernen die weniger schönen Seiten des Kubatourismus kennen: All-inclusive-Hotels – wir können nur abraten.

 

Batistas Spielcasino

Neben dem Hotel liegt eine maurische Villa die Batista als Spielcasino genutzt hat. Auf der Dachterrasse lassen wir den Tag bei einem Mojito ausklingen.

Stadtmitte

Der Stadtkern gehört auch zum Weltkulturerbe und ist in gutem Zustand. Das Angebot in der

Markthalle

Markthalle ist bei weitem nicht so überladen, wie wir es aus anderen Ländern kennen.

Trinidad

 

 

 

Es geht weiter an der Südküste nach Trinidad(Weltkulturerbe), einer Stadt die noch heute wie zu Kolonialzeiten aussieht – ein lebendiges Museum.

Überall Musik

Es ist auch eine Stadt voller Leben, Musik an jeder Ecke, zu jeder Tages- und Nachtzeit.

Wir lernen auch einen staatlichen Laden kennen, in dem auf

Staatlicher Laden

Lebensmittelkarten zu stark vergünstigten Preisen gewisse Kontingente an Grundnahrungsmitteln gekauft werden können. Beispielsweise kann jeder Kubaner 8 kg Reis zum Preis von 2 kubanischen Peso (2 ct) pro Kilo kaufen. Diese Lebensmittelkarten sollen dieses Jahr abgeschafft werden.

Über den Dächern

Wir speisen zu Mittag bei einer Familie  auf der Dachterrasse fantastische Langusten. Der Hausherr hat sich für unseren Besuch extra ein passendes schwarz-weißes Outfit besorgt. Unser einheimischer Führer hilft beim Kochen und Servieren. Wir bezahlen 20 CUC pro Kopf – für unsere Verhältnisse sehr günstig und für kubanische Verhältnisse ein halbes Monatseinkommen. So erleben wir vor Ort, wie der Tourismus die Entwicklung des Landes unterstützt.

Unser Hotel (schon wieder all-inclusive) liegt an der Küste und am freien Tag unternehmen wir einen Ausflug auf eine der 4198 Inseln von Kuba. Wir schnorcheln

Unter Wasser

im kristallklaren Wasser der Karibik (die Kamera bleibt dicht) und entspannen in der Sonne.

Koralle

 

 

 

 

In der Mitte der Insel

Nun geht’s zur letzten großen Tour über die Berge nach Norden. Unterwegs halten wir bei einer Bauernfamilie Einkehr und erleben wieder, wie einfach die Menschen leben und wie gut sie für uns kochen.

Bauernküche

Auch hier ist unser Besuch ein wichtiger Teil des Familieneinkommens. Wir lernen, dass ein Sohn in der nächsten Stadt seine Theaterausbildung macht, und während der Woche dort wohnt. Das Studium, Transport, Krankenversicherung, Unterbringung und Verpflegung werden vom Staat finanziert als Teil der systematischen Ausbildung aller Bürger.

Ché Guevara

Unser Ziel ist Santa Clara, die Stadt Ché Guevaras. Hier ruhen seine Gebeine und die seiner Mitkämpfer in einem Mausoleum unter der Statue. Hier hat er mit dem Sieg im Dezember 1958 gegen die Batista Truppen den endgültigen Sieg der Revolution vorbereitet. Drei Tage später verließ Batista am 1.1.1959 Kuba.

Xanadu

 Zum Ausklang verbringen wir noch ein paar Tage am Strand im Urlaubsparadies Varadero. Hier steht die DuPont Villa Xanadu, die die amerikanischen Millionäre der 20er Jahre nach Kuba lockte, unter anderem auch Al Capone. Heute ist hier Massentourismus angesagt. Wer nur hier seinen Kubaurlaub verbringt – all inclusive – hat nichts von Kuba erlebt oder verstanden.

Von hier gehts wieder per Taxi zum Flughafen. Wir haben lebhafte, spannende Gespräche mit dem gut gebildeten Taxifahrer über Kuba gestern, heute und morgen.

Tja, und als wir durch die Passkontrolle am Flughafen gehen, überreicht ein Polizist Dagmar ihren gestohlenen Pass.

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5 Kommentare zu Ein unaufgeregtes Land – spannend

  1. Ingeborg sagt:

    Grandios! Da habt Ihr ja wieder massenweise erlebt! Und hat Dagmar nun 2 Paesse?
    Einmal die Brille…einmal der Pass..aber irgendwie schaukelt Ihr alles! Bravo – und weiter so!! Lasst Euch druecken mit tropischer Hitze aus Malaysia von Eurer Ingeborg
    P.S.: Sind froh, dass Ihr das gesundheitlich alles so gut ueberstanden habt! Hut ab!

  2. Ralf Schoch sagt:

    Herrlicher Bericht, schöne Photos, fast als ob man selber da gewesen wäre.
    hasta la vista, Ralf

  3. Bernhard Hofmann sagt:

    Auch der Bericht von Gerd und Dagmar über die Kubareise ist, wie die Berichte der beiden stets, hoch interessant. Er bestätigt, was auch Meiers Weltreisen propagieren: Kuba ist ein Reiseland mit einer ganz besonderen Faszination. Trotz des politischen Systems gibt es eine kubanische Tradition. Der Bericht verdeutlicht auch, dass Kuba nicht nur Zigarren, Rum und Musik zu bieten hat, sondern jegliche beachtenswerte Kultur.
    Den Scherz habe ich mir erlaubt, die Reise. und Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amtes der BRD (Stand 20.02.2012) anzuschauen. Dort habe ich gelesen, dass für Rundreisen in Kuba für Ausländer in erster Linie Omnibusse in Frage kommen. „Das Bargeld sollte auf mehrere Stellen am Körper verteilt werden.“ Und man sollte stets Kopien der Reisedokumente, wie des Reisepasses, der im Original ins Hotelsafe gehöre, getrennt mit sich führen.
    Angeregt hat mich der Bericht auch, über das Handelsembargo der USA zu Kuba nachzudenken. Unter Präsident Obama ist eine ganz leichte Besserung der Beziehungen allgemein eingetreten.

  4. Greta und Fritzi sagt:

    Moin, moin, geliebtes Schwesterherz,
    lieber Gerd,

    Eurer Reisebericht ist wieder hochinteressant,spannend und sehr eindrucksvoll geschrieben!
    Der helle Wahnsinn, was ihr „zwei Beiden“ alles gesehen und auch wieder erlebt habt!! 😉 Da kann ja kaum noch einer mithalten.
    Ich wette, dass Euch ein ganz „normaler“ Urlaub gar nicht mehr reizt!!! Oder???
    Mal sehen, was wir nächstes Jahr auf Norderney zusammen erleben!!! ;-))))

    Es ist schön, dass ihr alles gesund und munter überstanden habt und voller neuer Eindrücke wieder „zu Hause“ seid.
    Macht weiter so, laßt es Euch gut gehen und bleibt gesund.

    Von Herzen alles erdenklich Liebe
    Greta <3 und Fritzi

  5. petra u conny sagt:

    wie schön, dass es euch gut geht, ob mit oder ohne originalbrille oder pass ist egal.
    jetzt muß euer erguss erst mal gedruckt werden, um alles in ruhe lesen zu können.
    am computa geht das bei uns nicht so gut. man muss doch was in der hand haben, was knister u wo der kaffee drauf kleckert.
    liebe grüsse auch aus weitendorf! p u c

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