Chill-out Strand, Reggae und Malerei

„Kinder, wie die Zeit vergeht…“ heißt es doch so schön und tatsächlich sind es schon fast 2 Monate seit dem letzten blog.  Keine Sorge, weder hat uns die Faulheit erfaßt, noch haben wir nichts mehr zu erzählen. Irgendwie ist halt immer was los hier.

Cinco muchachos

Wir hatten im Mai eine besondere Crew bei uns zu Besuch, Thomas kam aus seinem China-Trimester auf dem Weg in die USA in sein letztes Master Trimester in Boston, Markus und Fabi flogen aus Entringen ein und Johannes Philipp aus Ohlweiler.

Mit Gerd zusammen waren das dann 5 (mich) überragende “muchachos“, das war spannend, es gab immer was zu kochen und zu backen und wir hatten miteinander viel Spaß. Die zwei Fotografen Fabi und Johannes Philipp haben eine Foto-blog angekündigt, auf den wir uns schon freuen.

Ende Mai sind Gerd und ich dann der leeren Wohnung (es ist so schön, wenn die Bude voll ist ) entflohen und haben ein Wochenende in Santa Teresa verbracht. Diesen Tipp hatten wir von Julia, die die schwedische Besitzerin letzten August irgendwo am Strand kennengelernt hatte. Was für ein Glück, dass ich die Visitenkarte in 10 Monaten nicht verbummelt hatte.

Bucht von Nicoya

Da wir Wind und Wasser lieben, ging es ab Puntarenas mit der Fähre nach Paquera auf die Halbinsel Nicoya. Die Überfahrt, ein gutes Stündchen, war gemütlich, denn in der Regenzeit  halten sich die Touristenströme in Grenzen, und landschaftlich malerisch. Wolken, Wind und Wellen, Berge, die den Himmel berühren und Pelikane, die uns begleiten.

Braunpelikan

Die Pelikane werden hier auch die „Airforce von Costa Rica“ genannt, das Militär wurde in Costa Rica am 8. Mai 1949 abgeschafft. Gerd hatte viel Freude daran, sein neues Objektiv auszuprobieren, das Markus mitgebracht hatte, und wir freuten uns an den Vögeln, die aus dem Gleichklang des Fluges pfeilartig ins Wasser

CR Airforce in Attack

schossen und sich ihr Mittagessen holten. Die Pelikane in Costa Rica und Panama beeindrucken nicht nur in ihren Flugkünsten, sondern auch in ihrer Größe. Sie können bis zu 180 cm Körperlänge mit einer Flügelspannweite von 3,45 m und 13 kg haben. Unsere Begleiter waren aus der Familie der Braunpelikane mit nur 4 kg und 2 Metern Spannweite.

Ein aus unserer Sicht winziger Anleger in Paquera, wesentlich schmaler als unsere Laderampe, konnte aber doch alle Autos und Passagiere so nach und nach abfertigen. Nach 30 Minuten Fahrt vorbei an dem ersten all-inclusive Tourist Resort Hotel Playa Tambor mit 402! Zimmern, Golfplatz und Fluplatz tauchten wir dann in die landschaftlich wilde Schönheit der Nicoya Halbinsel ein, die 150 km lang und 50 km breit ist. Weisse Sandstrände, naturwilde Buchten mit von Riesenhand verstreuten Lavafelsen, Regenwald, 3-4 m hohe Wellen, die die coolsten Surfer herausfordern, Montezuma und Malpaís, die legendären “laid back“ Orte, in denen man fast niemanden untätowiert und ohne Surfbrett sieht,  und dann wieder die friedlich dahingleitende Formation der Pelikane, die unseren Blick immer wieder über das Meer schweifen lassen.

Anlegesteg in Paquera

Nachweislich erreichen die Menschen, die hier wohnen, das höchste Lebensalter (Blaue Zone Nicoya), 100 jährige sind keine Seltenheit. Yoga, Massage, Entspannung ist auf Nicoya überall inclusive.

Immer noch auf der Suche nach unserem Ziel, es gab keine Google Koordinaten, keinen beschilderten Abzweig, und niemanden, der unser Ziel kannte,  hielten wir in Carmen in brütender Hitze an einer Bäckerei. Ich kaufte den obligatorischen „coffee to go“ und erspähte superleckere Foccacios. Brot in Costa Rica ist ja nicht gerade ein Genuss und so konnten wir beide diesen wundervollen Duft im Auto nicht lange aushalten und mussten beide Teile mit Hochgenuss und „mmmhhh“ Lauten verputzen.

Immer noch kein Ziel in Sicht, anrufen konnten wir den wartenden Arley auch nicht, kein Telefon-Empfang auf den unbefestigten, staubigen Strassen, die unseren Durst nur noch wachsen liessen. Irgendwann fanden wir dann ein kleines Hotel mit einem freundlichen Tico an der Rezeption, der im Internet nachschaute „ Supervista Bungalows ? – nie gehört“  und der dann Arley anrief. Ja, wo wir denn blieben, fragte dieser und sagte dann, den Weg zurück und beim Cafe Zaza rechts ab.

Relax!

Nun denn, Wenden und u-turns können wir ja bestens, also zurück und einen fast zu schmalen Weg rechts rein nach dem Cafe, wie beschrieben. Kein Hinweis, kein Schild, das zu unserem Ziel führte. Im Blick schon die sich im goldenen Abendlicht schimmernd brechenden Wellen und dann …ja. Dort links ein heftig gestikulierendes Etwas, zutiefst ungewöhlich in dieser Gegend, wo alles gechillt zugeht. Tatsächlich, es war Arley, der gar nicht verstehen konnte, dass wir ihn nicht gefunden haben. „Bienvenidos“ und „besitos“ (Küsschen) inclusive dem herben Duft des naturburschenhaften Freizeitarbeiters und dann die Einweisung in einen sehr schmalen Weg der rechts und links von Kakteen begrenzt war.

Supervista

Da war er, unser Bungalow, und es gab noch zwei andere, eine schwedisch-pazifisch-karibische Synthese, blau-grün, IKEA gekrönt, mit großer von Segeltuch geschützten Terrasse und einem hohen luftigen Raum, viel Holz, viel Licht und direkter Blick vom Bett auf die nur 60 m entfernten unermüdlich sich auftürmenden und dann in den Strand rollenden Wellen.

Vergessen die ganze Sucherei, hinaus auf den Strand und schon mal kurz hinein in das kühle Nass. … und da war es, das Hinweisschild, das wir gesucht hatten „Bienvenidos – Supervista Bungalows“ direkt an der Strandseite. Also, wir hätten mit dem Pferd am Strand herreiten sollen, dann hätten wir den Abzweig sofort gefunden.

Wellen und Muscheln

Abschalten, Seele baumeln lassen, lesen (Gerd) und Muscheln suchen (ich), lange Strandspaziergänge (man kann hier bis Nicaragua laufen),  Sonnenauf- und –untergänge… dieses Fleckchen Erde ist so schön, dass es uns in keine Bar, in kein Restaurant gezogen hat. Als Picknick-Liebhaber haben wir all unsere mitgebrachten Kühlschrankreste als Köstlichkeiten genossen, uns zwei Dosen Bier geteilt und einige Liter Tee gesuppelt und waren glücklich wie in den Flitterwochen, die ja irgendwie immer noch nicht vorbei sind und ruhig noch 20 Jahre dauern dürfen.

In aller Ruhe

So haben wir denn gar nichts anderes mehr angeschaut, ein guter Grund zum Wiederkommen, und sind am Sonntag um 12 Uhr mittags aufgebrochen zu unserer 14 Uhr Fähre, die 1 Stunde Fahrtzeit entfernt war.

Irgendwie wunderte ich mich, dass wir eine andere Strecke als auf der Hinfahrt fuhren, aber frei nach der in allen Lebensbereichen geltenden Erklärung „…er wird sich schon was dabei gedacht haben“ genoss ich die Landschaft und die unwegsamen, alle Knochen nachhaltig massierenden Steine und Löcher, die unser Gefährt tapfer und manchmal auch schon fast sportlich bewältigte.

Wo ist der Papagei?

Und irgendwann meinte Gerd dann, dass das Navi anders denke als er… mal sagte das Navi „noch 8 km“, mal sagte es „noch 180 km“ und hat damit sicher die Umrundung der Halbinsel gemeint oder hat es den Weg übers Wasser berechnet ??

Also entschlossen wir uns zu der Ecke zurückzufahren, wo Gerd abgebogen war. Ich muss hier ergänzen, dass Gerd’s unerwartetes und ungeplantes Abbiegen meist zu ungekannt schönen Gegenden oder auch Erlebnissen führt, was heisst, man muss ihn einfach fahren lassen und sich an allem, was da kommt, erfreuen.  

Dennoch, wir fuhren zurück.

Gerd mutierte zu einem Michael Schumacher und holte alles aus dem Motor heraus, ab ging’s. Seine Locken tanzten hitzig im pfeifenden Fahrtwind und bei vier offenen Fenstern erzählten die glitzernden Staubkörnchen in allen Innenbereichen des Wagens noch Tage später die Geschichte dieser sportlich rasanten back-to-nature Fahrt.

Und ja, 20 Minuten vor Abfahrt der Fähre erreichten wir die wartende Schlange der Autos. Sie warteten auf die nächste Fähre in 3,5 Stunden.

Wir konnten „unserer“ Fähre noch fröhlich zuwinken, wenn auch nur dem Heck, denn diese schipperte schon voll beladen gen Puntarenas.

Auf dem Weg nach Puntarenas

Bevor ich mich noch nach den Tickets erkundigen konnte, hat Gerd schon mit seinem Navi geredet, ob wir nun doch tatsächlich die Halbinsel umrunden wollten, aber angesichts der verheissenen 180 km, so etwa 5 Stunden und 4 davon im Dunkeln auf unbefestigten Strassen, folgte er mir doch willig an die Mole, wo wir fern der wartenden einheimischen Chips-und-Salsa-Vertilger unseren restlichen Obstsalat mit Blick auf eine schöne Insel im Pazifik genossen.

Am Montag kommen Bärbel und Wolfgang Höckh aus Berlin und eine gute Woche später meine Enkelin Sophia mit ihrer Freundin Mandy, das heisst, vier Berliner treffen sich in Costa Rica. Wie schön !

Letzte Woche haben wir dann noch zwei lokale Highlights gehabt.

Ojo de Buey

Ein Konzert von Ojo de Buey im El Observatorio. Ein Feuerwerk an costa-ricanischem Reggae und Jazz, mitreissend und begeisternd, wir haben den Abend mit Eliza und Alex Hoffmann genossen und Gerd und ich haben den Altersdurchschnitt der Fans kräftig nach oben gedrückt. Das, was wir in 90 Minuten gehört, geklatscht und mitgetanzt haben, war so gut, dass die 180 Minuten Wartezeit dann auch als Randbedingung vergessen waren. Interessant war, dass alle in Reihen gestanden und vor sich hingetanzt haben, ich muss mal die Jugend fragen, ob das jetzt überall so gemacht wird oder nur hier in Costa Rica. Gerd und ich haben uns dann ebenso aufgestellt, denn wir wollen ja nicht überall aus der Reihe tanzen…

Antonio Mejia

Nach fast 2 Monaten ständigen Bemühens mit einem Galeristen hatten wir endlich am letzten Wochenende die Freude, einen hiesigen Maler persönlich kennenzulernen, von dem wir in einer Galerie „unser Kaffeebild“ gekauft haben. Ein für das tägliche Leben in Costa Rica wirklich authentisches Ölbild, der „chorreador“, mit dem hier arm und reich Kaffeee aufbrühen und auf den unverwechselbaren Geschmack schwören und die Palmfrüchte „pejibaye“, die die Ticos mit Mayonnaise (!) zum Kaffee essen, liegen neben dem Becher (liebe Besucher, keine Sorge, bei uns gibt’s zum Kaffee dann eher Bananenbrot). Als Horst dieses Bild sah, hat er schon den Kaffee gerochen, … so authentisch, so detailgetreu ist das Bild.   

Chorreador und Pejibaye

Mit der Mutter des Galeristen, die eine der ersten Galerien vor 40 Jahren in Costa Rica eröffnet hat und seitdem im Geschäft ist und alle Künstler in Costa Rica kennt, fuhren wir nach Tres Rios, wo wir Antonio Mejía auf dem Kirchplatz trafen. In einer Eckkneipe arbeitet der Maler an einem 2 x 4 m großen Gemälde, das den Kirchplatz naturgetreu wiedergibt. Wir waren fasziniert, in welchem Detail Antonio Gesichtsausdruck und Ausstrahlung malt. Marta, die Galeristin sagte uns, dass es keinen anderen Maler in Costa Rica gibt, der so authentisch und mit so viel Liebe zum Detail Alltagssituationen in höchst beeindruckende Bilder umsetzen kann. Das bedeutet aber auch Zeit und Inspiration und so hören wir, dass Antonio oft nicht von seinen Bildern leben kann. Er malt sein ganzes Leben lang, hat 8 Kinder von 3 Frauen oder so, genau haben wir das nicht verstanden. Beim Mittagessen, zu dem wir ihn einladen, erzählt er uns, wie glücklich er ist, dass wir nicht nur sein Bild gekauft haben, sondern uns auch für ihn selbst und sein Leben interessieren. Dann machen wir einige Runden, damit er uns endlich seine Tochter vorstellen kann (sie leitet eine Bankfiliale und zahlt ihrem Vater Strom und Telefon), den Sohn erwischt er nicht zu Hause, aber er will uns noch zeigen, wo er wohnt.

Wohnung und Atelier

Also machen wir mit ihm eine kleine Spritztour ins Orosi Tal, wo er in einem Haus von einem Amerikaner, der in den USA lebt, wohnen kann. Es gibt hier nur zwei Zimmer, eines ist sein ganzes Reich und eine riesengroße Terrasse mit einem Hund, wo man eigentlich 100 Leute verköstigen kann (die Tische und Stühle stehen aufgestapelt in der Ecke). Auch hier gibt es große und kleinere Werke, er liebt es, Bilder anzufangen und immer wieder mal an anderen weiter zu arbeiten. Doña Marta erzählt uns mit nachsichtigem Lächeln, dass sie vor 5 Jahren ein Stierkampfbild in Auftrag gegeben hat, dasimmer noch nicht fertig ist. Und sie sieht es dann… anders, als sie es sich dachte, aber eben so, wie es Antonio sieht und für sich entwickelt.

Detail aus „Tres Rios“ Gemälde

Über ein Päckchen Kaffee, das wir für ihn von dem Wirt in Tres Rios gekauft haben, freut sich Antonio wie ein Schneekönig. Man sieht, er ist sehr arm, aber er macht einen zufriedenen, glücklichen, manchmal besonnenen, aber immer wachen Eindruck. Er redet gern und viel und will diesen glücklichen Tag als Geschichte für uns aufschreiben, mit einer kleinen Zeichnung, natürlich.

Wir freuen uns darüber und denken, dass wir vielleicht in 5 Jahren mal vorbeikommen und uns das dann von ihm abholen.

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3 Kommentare zu Chill-out Strand, Reggae und Malerei

  1. Bernhard Hofmann sagt:

    „Der Mensch ist der Gestalter seines Lebens, von ihm hängt es ab, ob die Scheunen seines Lebens mit köstlichen Früchten gefüllt werden oder nur mit leerem Stroh.“ Diesen Gedanken eines Johann Andreas Blahha finde ich in meinem Großen Handbuch der Zitate bei der Nachschau nach einem treffrenden Text zur Würdigung des vorstehenden Blogs. Interessant, annschaulich, humorvoll sind die Bilder und Texte.
    Herzlichst!
    Bernhard

  2. Gise Renz sagt:

    danke für den wunderbaren Bericht und Bilder.
    Ich habe schon mehrere Male nachgesehen und befürchtet euch ist bei eurer Reiselust etwas zugestoßen.
    Liebe Grüße und weiterhin erlebnisreiche Tag wünschst euch Gise

  3. Greta und Fritzi sagt:

    Ihr Lieben,
    den Blog habt ihr auch wieder sehr interessant und mitreißend geschrieben, versehen mit wunderschönen Bildern!!! Macht weiter so und laßt es Euch gut gehen.
    Von Herzen alles Liebe, Küßchen und eine dicke Umarmung.
    Viele liebe Grüße aus dem verregneten Wilhelmshaven 🙁
    Greta und Fritzi

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