Alltägliches

“ Mit den Frauen haben die es hier nicht so…“ und das merkt man an vielen Kleinigkeiten im Alltag. Gerd ist schon eine gute Weile ein „residente temporal“. Ich durfte zwar mitgehen zu seinem Fotoshooting, aber als ich fragte, ob für mich nun auch der Antrag gestellt werde, dass ich eine sogenannte Hiesige werde, hieß es „no“. Zuerst der Mann. Dann mal sehen … tranquilo … Die Frau ist „dependent“, steht auch so in den offiziellen Unterlagen. Nun, nach ein paar Wochen, darf ich auch, vielleicht ja wegen „guter Führung“ 🙂 .

Als ich einen Tag in der Firma arbeiten wollte und wir dort durch die Sicherheitspforte fuhren, gab ich Gerd der Einfachheit halber meinen Firmen-Ausweis. Ich hatte mich vorbereitet und fing gerade an, dem Sicherheitsmenschen auf spanisch zu erklären, dass mein Mann gleich wieder das Gelände verlässt, er mich also nur herfährt. Das war gar nicht nötig, denn der Werkschutz winkte Gerd gleich freundlich durch und auf mein unverständiges Gesicht hin sagte Gerd nur grinsend, „ich bin der Mann und habe den Ausweis, Du bist dependent“. So spasseln wir uns durch den Alltag.

Es gibt aber auch andere Erlebnisse, nämlich dass die Gärtner von unserer Wohnanlage beim 5 m hohen Heckenschneiden (die Hecken sind hier riesig) daran denken, dass ich es schade finde, die in die Hecke wachsenden Blumen wegzuwerfen. So haben sie für mich die Blumen gesammelt und sie mir auf dem Weg zum Schwimmen gegeben. Welch schöner Tagesanfang.

... kaum die Augen auf und schon Blumen

Übrigens die Gullideckel, wir hatten mal die Löcher in der Strasse erwähnt, die dann zwecks besserer Kennzeichnung mit gelber Farbe ummalt werden, werden dringend gebraucht von solchen, die kein Geld haben. Sie nehmen sie mit und machen sie zu Geld, auch kein einfacher Job.

Letzten Donnerstag habe ich stundenlang am Nachmittag versucht, meinen PC zum Laufen zu bringen. Natürlich dachte ich, es liegt an mir, denn ich bin ja nicht so ein Freak wie die Müller-Crew, obwohl ich gegen früher ja schon mächtig aufgeholt habe. Als Gerd dann kam, hat er sich gleich an die Aufgabe gemacht, das Problem zu lösen. Nach einer Stunde ging es immer noch nicht. Unser Spanischlehrer war gerade da und wir erzählten ihm, dass das Internet seit Stunden nicht geht. Er sagte, dass das Internet eigentlich relativ stabil sei, nur manchmal gäbe es ein Problem, besonders wenn es viel regnet oder wenn man nicht die Rechnung bezahlt hat…… Das war das Stichwort! In dem ganzen Zuständigkeits-Kuddelmuddel zwischen uns als Mietern, der Agentur und unserem Vermieter wussten wir gar nicht, wer die Rechnung hat. Eine kurze Problemschilderung bei unserem Vermieter liess ihn aufstöhnen und nach 30 Minuten ging alles wieder. Bis jetzt hat er nicht gesagt, wo die Rechnung ist, aber wir glauben, dass er sie verdamelt hat.

Wir waren ob der Schnelligkeit schon beeindruckt, hatten wir doch von unserem deutschen neuen Freund Mike, der seit 6 Jahren ein kleines Cafe in Escazu hat, gehört, dass er immer noch nicht „resident“ ist. Er erzählte uns, Abschalten, wenn Rechnungen nicht bezahlt werden, geht fix, nur das wieder Anstellen kann Tage dauern. Freunde von ihm aus den USA, die hier seit 10 Jahren wohnen, sind auch noch keine „residents“. Also hilft man sich, indem man alle 3 Monate (so lange gilt die befristete Aufenthaltsgenehmigung) sich einen Kurzurlaub in Panama gönnt, drei Tage und 2 Nächte, und dann kann man wieder für 3 Monate hier sein. Jeder weiss es, keinen stört’s und offensichtlich klappt das ja auch mehr als 10 Jahre lang.

Ach ja, die Stromrechnung kam durch den Türschlitz, sie lag morgens einfach da. Zuerst wussten wir nicht, was damit zu machen ist, aber wir haben es ‚rausgefunden, bevor der Strom abgestellt wurde. Einfach in den Supermarkt gehen und an der Kasse die Stromrechnung in bar bezahlen. Man kriegt einen Stempel und „bingo!“, „habe fertig“.

Nun sind wir schon 2 Monate hier und haben noch keine Postkarten geschrieben, was ich ja in guter alter deutscher Manier ganz schön oder auch wichtig finde. Als Julia letztes Jahr in Equador war, war ich schon fast traurig, dass keine Karte innerhalb der ersten 6 Wochen angekommen ist. Nun muss ich neidlos eingestehen, sie war schneller als wir. Zuerst einmal, wo gibt es eigentlich Postkarten. Nach langem Suchen fanden wir im Supermarkt Karten von den hiesigen Tieren, Fröschen, Schmetterlingen, Affen, Echsen…. so weit, so gut, schreiben können wir ja auch noch alleine, aber wo gibt es Briefmarken und überhaupt, wir haben noch nie einen Briefkasten gesehen.  In San Jose von einem Agenturmitarbeiter habe ich erfahren, dass wir zu „Correos“ gehen müssen. Correos ist die Post, hier ist sie staatlich. Diese haben wir dann letzten Freitag gefunden, ein unscheinbares Gebäude, wie die meisten, hinter Stacheldraht. In dem Gebäude wie immer hier ziemlich viele Mitarbeiter, einer konnte sogar Englisch. Es gibt eine große Waage, darauf wird die Post gelegt und wenn man dann angibt, ob „regular“ oder anders (anders ist wohl Luftpost), dann wiegen sie die Post und drucken individuell eine Briefmarke aus.  In dem Gedanken, dass wir nun doch ein paar mehr Karten schicken möchten, legte ich eine Tierkarte und einen Umschlag auf die Waage und sagte, ich hätte gern 10 Briefmarken in dieser Schwere. Das löste eine Menge Verwunderung und einige Diskusionen zwischen den Mitarbeitern aus, aber letztlich bekamen wir sie dann doch, „effectivo“, nur gegen cash. Dann wollten wir noch wissen, wo es Briefkästen gibt. Ein Mitarbeiter schien es zu wissen und sagte „Auto Mercado“, das ist so was wie „Marktkauf“. Da wir dort noch nie Briefkästen gesehen hatten, fragten wir auch noch, wie diese denn aussehen, welche Farbe sie denn hätten, aber das wusste der Gute auch nicht. Wahrscheinlich hat er noch nie einen Briefkasten suchen müssen. Nun denn, also dachten wir, dann müssen wir eben an der Post die Karten einstecken und fragten, ob man diese draussen einstecken kann, welch‘ deutsche Denke! Nur hier, sagte er und zeigte uns einen Schlitz in dem Tresen, wo man Post einwerfen kann, wenn dann das Postamt auf hat.

Prima, jetzt wissen wir auch, wie und wo man Karten wegschickt, aber wo gibt es Postkarten zu kaufen? Nach längerem Suchen fand ich ein Geschäft mit der Aufschrift „regalo“ (Geschenk), ging hinein und sah…  keine Karten. Dann zog ich eine Tierpostkarte heraus und fragte, wo es so etwas denn zu kaufen gäbe. (Gerd stand immer noch unbeweglich an einer Hausmauer im Schatten). Man sagte mir, erst rechts, dann links und dann 250 m, ein Glück, kann ich so viel spanisch und ich landete in einem kleinen Laden in dem, man glaubt es kaum, ein Ständer mit Postkarten war, der dort sicher schon 5-7 Jahre stand. Aber, egal, wir kauften gleich 10 Stück (Gerd war mir nun gefolgt, da ich doch zu selbständig unterwegs war). Der gute Mann wollte mir dann noch Umschläge verkaufen, in die die Karten nicht hineinpassten, aber nachdem ich das anschaulich vorführte, fand er doch noch die richtige Größe.

Schnauff! Nun sind wir gewappnet für die erste Kartenrunde und seid sicher, dass, wo immer wir nun Karten sehen, kaufen wir welche auf Vorrat.

Großes Kompliment an Julia, sie hat das alles irgendwie schneller rausgefunden als wir.

Und so wie man die Briefmarken einzeln ausdruckt, so werden auch die Tabletten abgezählt. Zur Nachkontrolle im Krankenhaus (danke für Eure guten Wünsche, es geht mir sehr viel besser), fanden wir uns dann einem sehr entspannten Arzt gegenüber, alles ging ruhig und ohne Hektik zu, man nimmt sich Zeit für den Patienten und die anderen warten geduldig. Tranquilo. Genauso in der Apotheke, auf unserem Rezept stehen genau 21 Tabletten für weitere 3 Wochen. Die Apothekerin nimmt sie aus der Schachtel, schneidet und zählt bis 21 und überreicht uns einen Umschlag mit der Arzneibezeichnung und der Einnahmefrequenz; die restlichen Tabletten gehen zurück ins Regal. Für den nächsten Kunden. Eigentlich nicht schlecht, so hat man zu Hause keine Kiste mit restlichen Tabletten.

Es ist Regenzeit und der Regen fällt meistens nachmittags, was nun endlich die Regenschirme – zumeist als Sonnenschirme genutzt – wieder ihrer ureigensten Bestimmung zuführt. Der Regen und die feuchte Wärme bringen auch anderes hervor. Eines Abends beim Kochen war die ganze Fensterscheibe voller kleiner Käfer, sie waren nach dem Regen geschlüpft und schnell hat Gerd ob der Invasion alle Fenster zugemacht. In den folgenden Tagen schlüpften noch andere Arten. Das hilft natürlich, meine Befindlichkeit über die Krabbel-und Flugtiere zu überarbeiten. Nun habe ich fast schon aufgehört, unsere Wegbegleiter alle namentlich anzusprechen wie Johnny, die Kakerlake, Agathe, die große Spinne, Konstantin, der übergroße Nachtfalter, der in meinem Handtuch wartete, bis ich mein Gesicht abtrocknen wollte, Lieselotte, die kleine Schlange auf dem Wasser im Swimmingpool, Fridolin, der Grashüpfer, der sich in Gerd’s Sporthose versteckte, oder Karl-Heinz, der behäbige dicke Käfer, der mich mit seinem Trappeln auf dem Holzboden in der stillen Wohnung mehr als irritierte. Ich war dann schon beruhigt, denn das Trappeln war so laut, dass ich ein Tier in Meerschweinchengröße erwartet hatte. 

Karl-Heinz, hier auf der Strasse, aber auch gern in der Wohnung

In dieser Jahreszeit tut sich auch noch mehr. Die Strassen werden repariert, mal werden die Löcher mit Sand zugeschüttet, mal mit Asphalt aufgefüllt. Auch wenn viele gleichzeitig mitarbeiten, auf längere Sicht gesehen geht es wirklich voran. Gestern haben wir auf einer Strecke von 20 Metern 16 Bauarbeiter gezählt, alle haben was getan, aber natürlich „tranquilo“.  Und auch Selbsthilfe wird erfolgreich praktiziert. In kleineren Orten machen Schüler eine Strassensperre mit selbstgemalten Plakaten, dass sie Bücher für ihre Schule brauchen und rechts und links steht dann jemand mit einem Joghurttöpfchen und sammelt die Colones, die die Autofahrer immer geben, bevor sie weiterfahren. Die Kirchen brauchen auch Hilfe. Vor der Kirche sitzt ein altes Muttchen und verkauft gesammelte Kräuter, um ihr karges Leben aufzubessern, darüber thront ein riesengroßes Nudelplakat. Wäre interessant zu wissen, wie diese zumindest für uns doch ungewöhnliche Marketingkampagne der Kirche finanziell zugute kommt.

Die Kirche in San José als Marketinginstrument

Heute haben wir auch einen Pferdebus gesehen, der hielt an der Strasse und ein Pferd stieg aus. Dann holte der Besitzer es ab und der Bus fuhr mit den anderen Pferden weiter. An einem anderen Tag hatte ich vor dem Obst – und Gemüseladen, in dem wir manchmal einkaufen, ein Pferd gesehen, dass in der Schlange stand. Ich bin nochmal zurückgegangen, weil ich dachte „ich glaub‘, da steht ein Pferd“ , aber es stimmte wirklich. Nach ein paar Minuten kam ein Kunde mit Obst aus dem Laden und ging mit seinem Pferd weiter. Nichts ist unmöglich.

Pferde fahren auch gern Bus

Wir waren gerade zu Besuch auf einer Farm am Vulkan Poas, Karim hatte uns eingeladen und super für uns gekocht. Karim ist eigentlich Architekt, kommt aus dem Iran, hat wie Gerd in Karlsruhe studiert und sich nach der iranischen Revolution letztlich in Costa Rica niedergelassen. Er hat eine große Finca am Poas, experimentiert in Richtung ökologischer Anbau, züchtet u.a. Lederfarn, der nach Deutschland und Holland exportiert wird. Der Farn ist 45 Tage per Schiffscontainer unterwegs und wenn wir ihn im Blumenladen bekommen, sieht er aus wie frisch geschnitten. Unglaublich.

Wir hatten Karim schon bei unserer Wohnungssuche im Dezember kennengelernt und er hat sich mächtig gefreut, dass er mit uns deutsch sprechen konnte und dass Gerd und er Karlsruhe und seine Uni kennen. Nach dem mehrgängigen gemütlichen Essen kam dann der große Regen (man konnte sich nicht mehr unterhalten, so laut trommelt der Regen auf das Dach) und danach ein wirklich schöner Regenbogen, den haben wir Euch mitgebracht.

...auch alltäglich, Regen, Gewitter und Regenbogen auf der Finca

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6 Kommentare zu Alltägliches

  1. Das sind lauter interessante kleine Geschichten, die man wohl nur erleben darf wenn mich sich auf so ein Abenteuer einlässt. Schön, dass ihr sie mit uns teilt!

  2. Ingeborg sagt:

    Beruhigend, liebe Dagmar, dass es Dir gesundheitlcih gut geht…und Ihr beschreibt das so, als wäre es hier in Malaysia..“Dependent“ – und hier werde ich auch noch mit „Mrs. Wolfgang“ angesprochen!!!! Horror, man verliert total seine Identität!!!! – Postkarten, Regen, Tabletten, Rechnungen….läuft hier in Malaysia alles genau so ab..inkl. Gullideckel ;)…aber man gewöhnt sich dran..und das mit den Tabletten hat absolut seinen Vorteil…unsere Krankenkassen in D wären weitaus „gesünder“.. Danke für den spannenden Bericht..und schön, daß Ihr die ersten Freunde gefunden habt und Dagmar schon so prima Spanisch sprich-Gratulation….Weiter so und alles Liebe…

  3. Thomas sagt:

    Tabletten abzählen!
    Eine gute Idee, aber wer hat hier schon die Zeit dafür.

  4. Bernhard Hofmann sagt:

    Über den Alltag habe ich nachgedacht und ich schmücke mich mit den folgenden fremden Federn:
    „Der Alltag ist das elementarische Dasein. (Karl Lebrecht Immermann)
    Die wahre Lebenskunst besteht darin, im Alltäglichen das Wunderbare zu sehen. (Pearl Sydensticker Buck)
    Wenn der Alltag Dir arm erscheint, klage ihn nicht an – klage dich an, dass du nicht stark genug bist, seine Reichtümer zu rufen, denn für den Schaffenden gibt es keine Armut. (Rainer Maria Rilke)
    Die kleinen Alltäglichkeiten sehen nach nichts aus, aber sie geben den Frieden. (Georges Bernanos)“
    Dir, liebe Dagmar, weiterhin gute gesundheitliche Besserung.
    Dir, lieber Gerd, möge “ IT aus der Steckdose “ und Personal-Coaching weiter gut gelingen.
    Bernhard

  5. conny u petra sagt:

    war wieder schön von euch zu lesen. hier regnet es nicht mal für die kleinen tiere geschweige für meinen mickrigen kürbis.
    wie imme liebe grüsse u weiter so! petra u conny

  6. Greta und Fritzi sagt:

    Geliebtes Schwesterherz,
    lieber Gerd,
    nun endlich ein von Herzen kommender Dank für diesen wunderschönen Bericht. Sind immer wieder total faziniert. Was ihr alles so erlebt und durchlebt, gigantisch! Schön, dass wir daran teilhaben dürfen. 🙂
    Sehr beruhigend, geliebtes Schwesterherz, dass es Dir nun wieder besser geht. Bestimmt hat Gerd Dich auch liebevoll gepflegt und verwöhnt, oder?? Und das mit den abgezählten Tabletten ist eine supergute Idee!
    Laßt es Euch Lieben weiterhin gut gehen. Neue Bekanntschaften schließen und auch Freunde finden, dass wünschen wir Euch.
    Bleibt bzw. werdet ganz gesund und laßt Euch gaaaaaaaaaanz tüchtig drücken!
    Viele liebe dicke Bussis
    Greta und Fritzi

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